Auf der Suche nach Erkanbald

Neues aus dem Alten Dom St. Johannis















Angesichts der seit einigen Jahren durchgeführten Ausgrabungen im Alten Dom St. Johannis haben grundlegende Fragen der Mainzer Kirchengeschichte neue und sicherere Antworten erhalten. Bis zum achten Jahrhundert hatte man nur wenige Quellen für die Geschichte dieser nicht unbedeutenden und bereits in römischer Zeit bestehenden Christengemeinde. Keine Chronik, keine Annalen, kein Geschichtswerk berichtet vom Aufstieg, Niedergang und erneutem Aufstieg der christlichen Gemeinde in der alten römischen Provinzhauptstadt. Bis in die Zeit des Missionserzbischofs Bonifatius († 754/755) und bis zu den besser dokumentierten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem karolingischen Königtum muss die Mainzer Kirchengeschichte mit einigen wenigen Namen und kurzen Notizen in den schriftlichen Quellen auskommen. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte das Bistum erst unter Erzbischof Willigis († 1011), der einen Neubau der Bischofskirche mit dem Anspruch einleitete, die kirchliche Führungsrolle im Heiligen Römischen Reich zu übernehmen. Auch nur wenige bekannte archäologische Hinterlassenschaften reichten bisher in die Frühzeit der Mainzer Kirche zurück. Dies ändert sich jedoch seit einiger Zeit. Seit Ende 2015 fand in der Mainzer Johanniskirche eine von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau verantwortete Intensivgrabung statt, die bis heute fast eine halbe Million Einzelfunde hervorgebracht hat und die Baugeschichte der Kirche in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wesentliche Teile des frühmittelalterlichen Kirchenbaus gehen in die römische Zeit zurück, und auch die zahlreichen Baumaßnahmen lange vor dem zehnten Jahrhundert können nun klarer rekonstruiert werden. Auch in den kirchengeschichtlichen Lehrveranstaltungen unserer Fakultät spielt der „Alte Dom“ inzwischen eine immer wiederkehrende Rolle, ob in Vorlesungen oder in kirchenbaugeschichtlichen Übungen. Hier und auch in größerer Öffentlichkeit wird über die zukünftige Nutzung gestritten, Prognosemodelle der Nutzerinnen- und Nutzergruppen werden erstellt, Mitglieder des Freundeskreises, Architektinnen, Architekten und Gemeindeglieder tauschen sich kontrovers über eine Machbarkeitsstudie aus, in der Mainzer Johanniskirchengemeinde wird genauso wie in der Gesamtgemeinde über Möglichkeiten des Gemeindewachstums und ein angemessenes Gemeindebild für das 21. Jahrhundert debattiert. Gleichzeitig melden Kirchenmusik und außerevangelische Öffentlichkeit Ansprüche an, die weit über das vom bisherigen Gemeindeleben dieser Citykirche Gewohnte hinaus gehen.

Ein Höhepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung des Projektes wurde im Sommer und Herbst 2019 erreicht. Im Verlauf der Grabungen wurden nämlich nicht nur rund 200 Gräber im Kircheninneren freigelegt, auch eine Reihe von Sarkophagen und Sarkophagresten kamen zum Vorschein, die teilweise noch ins erste Jahrtausend n. Chr. zu datieren sein dürften. Ausgerechnet an der zentralsten und prominentesten Stelle inmitten des Hauptschiffes fand sich eine solche bisher offensichtlich völlig unberührt gebliebene Grablege. Nach langen Diskussionen und reiflichen Überlegungen, an denen der Verfasser als Mitglied des Denkmalbeirats beteiligt war, entschieden sich die Verantwortlichen, diesen Sarkophag in aller Öffentlichkeit zu öffnen. „Öffentlichkeit“ bedeutete hier: ein Live-Ticker sowie ein Livestream machten den Moment der Öffnung für alle Internet User weltweit in Echtzeit miterlebbar.

Es kann inzwischen als sicher gelten, dass der Sarkophag tatsächlich seit etwa 1000 Jahren unberührt geblieben war. Auch die Bestattungsrichtung ist durch die gefundenen menschlichen Überreste eindeutig nachvollziehbar, der Kopf blickte in Richtung des Hauptaltars. Auf Kopfhöhe fand sich ein Goldbesatz – vielleicht Reste einer Bischofsmitra – und auf Unterschenkelhöhe Reste von goldenen Gewandsäumen, die in der Zeit von 950 bis 1050 hergestellt wurden. Der Tote trug eine Kasel aus Seide mit einer Goldborte am Nacken. Darauf fanden sich Reste eines aus Rom stammenden Palliums, das seit dem 11. Jahrhundert zu einem regelrechten erzbischöflichen Insignium geworden war, sowie von Pontifikalschuhen aus Ziegenleder. Eine (Nach-)Bearbeitung der inneren Wanne könnte auf eine Anpassung eines andernorts vorgefertigten Sarkophags hindeuten. Gestorben ist er im Alter von 40–60 Jahren. Auf Grund all dieser Indizien handelt es sich auch nach Ansicht des Grabungsleiters Dr. Guido Faccani tatsächlich um den früheren Gegner des Willigis, den Grafen von Oelsburg, Abt von Fulda (997–1011) und Erzbischof von Mainz (1011–1021), der unter dem Namen Erkanbald/Erkembald bekannt ist. Er ist der einzige Erzbischof, dessen Grab bisher noch nicht identifiziert werden konnte. Als Unterstützer Heinrichs II. griff auch er in die Politik des römischen Reiches ein, ist aber weniger bekannt als sein Vorgänger und auch als sein Nachfolger Aribo, der 1024 den ersten Salier Konrad II. an derselben Stelle zum König krönte. Am 8. Juli 2019 wurde der Sarkophag wieder verschlossen. Der prominente Tote hat seine Ruhe wieder.


Mainz, im November 2019



Interview mit Friedrich Wilhelm Horn.pdf

© Text und Fotos auf dieser Seite: Ulrich Volp